Authoren Archiv für Martin

Tag 12 – Immer rein ins Vergnügen

Um 6.00 Uhr werde ich von einem regelrechten Gebimmel geweckt. Um die Abfahrt in die Narrows ja nicht zu verpassen, habe ich vorsichtshalber alles als Wecker benutzt, dass mir in die Finger gekommen ist. Obwohl ich durchs ganze Hotelzimmer flitzen muss, um die Störenfriede zum Schweigen zu bringen, bin ich noch immer hundemüde und schmeisse mich erst mal unter die Dusche, um wach zu werden. Anschliessend trotte ich schwer bepackt quer über die Strasse zur Zion Adventure Company, wo um 6.30 Uhr das Shuttle Richtung Chamberlains Ranch abfahren soll. Ich habe das Gefühl, spät dran zu sein und als ich kein Shuttle sehen kann befürchte ich schon, dass die ohne mich abgefahren sind. Dann entdecke ich vor dem Gebäude ein Paar auf einer Parkbank sitzen. Sie erzählen, sie hätten eigentlich eine Fahrt gebucht aber heute Morgen einen Anruf bekommen, dass ihr Kind ins Spital eingeliefert worden wäre. Sie würden sich deshalb auf dem Weg nach Hause machen und nicht mitfahren. Normalerweise wäre das Shuttle aber immer schon zeitig da, das käme ihnen schon seltsam vor. Nach und nach treffen noch vier weitere Mitfahrer ein, vom Shuttle ist aber noch immer nichts zu sehen. Schliesslich hält ein Geländewagen direkt vor uns und der Fahrer erklärt uns, er würde uns zur Chamberlains Ranch bringen. Er sei eigentlich ein Guide, hätte heute seinen freien Tag und sei noch nie bei der Chamberlains Ranch gewesen. Sein Chef habe ihn gestern Abend angerufen und gefragt, ob er nicht Shuttle spielen wolle weil der eigentliche Fahrer mit seinem Van Schiss habe, und sich weigere zu fahren. Im Sinne von „das hat sich also doch gelohnt, gestern Abend so lästig wie eine Oktober-Fliege gewesen zu sein“ zaubert mir diese Aussage ein schelmisches Grinsen aufs Gesicht.

Der Fahrer ist sich aber noch nicht sicher, ob er wirklich fahren soll und meint dann, dass wir zumindest den halben Fahrpreis zahlen müssten, falls wir es nicht schaffen und umkehren müssen. Damit sind natürlich alle einverstanden und nach der von mir ausgegeben Parole „no risk, no fun“ (ist ja nicht mein Auto) geht die Fahrt auch schon los. Neben mir mit von der Partie sind zwei Typen aus Cincinnati, die die Narrows in einem Tag machen wollen, und Deb und Mike, ein älteres Pärchen aus Syracuse, die so wie ich in den Narrows zelten werden. Die Fahrt gestaltet sich als recht kurzweilig, geradezu familiär. Niemand sitzt still vor sich hin, sondern es herrscht ein reger Erfahrungsaustausch, eine Geschichte nach der anderen wird zum Besten gegeben. Nach etwa einer Stunde Fahrt verlassen wir die geteerte Strasse. Der Fahrer meint, dass dies der entscheidende Moment sei. Ihm habe man gesagt, dass man schon anhand der ersten hundert Yards sehen könne, wie der Zustand der gesamten Strecke sei. Wenn das stimmt, dann sollte es keine Probleme geben, denn der erste Abschnitt ist in tadellosem Zustand. Etwa 15 Minuten später stellt sich dann aber heraus, dass diese 100 Yards Faustregel dann nicht stimmt, wenn es im weiteren Streckenverlauf deutlich mehr geregnet hat als auf diesen ersten 100 Yards. Statt im tadellosen Zustand zeigt sich die Strasse inzwischen mit der gestern angesprochenen Schlammschicht. Es ist Zeit, den Allradantrieb zu aktivieren und weiter geht es mit zwar vermindertem, aber noch immer recht zügigem Tempo. Man spürt regelrecht, wie das Auto ein wenig hin und her schlingert und vor allem in den Kurven ist das Rutschen gut mit dem Hintern zu spüren. Wir sind heute aber trotz der frühen Stunde nicht die ersten, denn vor uns im Schlamm können wir die Spur eines Vans sehen. Das wird wohl der Van des anderen kommerziellen Shuttles sein. Die sind aber offensichtlich nicht mit Allrad unterwegs, denn der Verlauf der Spur sieht schon recht abenteuerlich aus. An einer Stelle muss der Van direkt seitlich in den Strassengraben gerutscht sein.

Nach etwa 1 ½ Stunden Fahrt erreichen wir das Farmhaus der Chamberlains Ranch. Rechts am Strassenrand steht ein weisser Van, vom Fahrer ist nichts zu sehen. Plötzlich halten wir an. Vor uns in einer Kurve besteht die Strasse nur noch aus einem riesigen Schlammloch dessen Tiefe nicht wirklich abschätzbar ist. Auf der rechten Seite kann man die Fahrspuren des Vans sehen, der da offensichtlich stecken geblieben ist. Möchte wissen, wie der da wieder rausgekommen ist. Der Fahrer fragt uns, ob wir weiterfahren sollen. Dies wird von uns allen natürlich bejaht mit dem Hinweis, dass es ja nicht unser Auto sei. Er denkt ein wenig nach, peilt dann den linken Rand des Schlammlochs an und gibt Vollgas. Wir jubeln wie in einer Achterbahn, links und rechts spritzen Schlammfontänen weg und wenige Sekunden später sind wir schon wieder auf einigermassem festen Untergrund. Der Witz an der Sache ist aber der, dass keine 200 Meter weiter die Strasse für Fahrzeuge gesperrt ist und die Wanderung in die Narrows beginnt. Was soll’s, lustig war’s und das bisschen Dreck macht dem Auto auch nichts.

Es ist leicht neblig, sollte aber laut Wetterbericht ein schöner Tag werden. Kurz vor 08.00 Uhr mache ich mich mit Deb und Mike auf den Weg, die zwei Day-Hiker aus Cincinnati sind schon längst abgedüst, die haben es schliesslich eilig. Eigentlich wandert man die ersten drei Meilen auf einer Dreckstrasse neben dem Virgin River, bevor es am Ende der Strasse erst ins Wasser geht. Da aber gerade Strassenarbeiten stattfinden, werden die Wanderer bereits ganz am Anfang in den Virgin River umgeleitet. Kaum zu glauben, dass das hier der Beginn der Narrows sein soll.

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Zusammen mit Deb und Mike marschiere ich also los und wage schon bald die erste Überquerung der Virigin Rivers, quasi um mit der Materie vertraut zu werden bevor es richtig zur Sache geht. Schon komisch, einfach so durch Wasser zu spazieren, ist man sich doch seit Kindestagen gewohnt, ja nicht nass zu werden und lieber von einem Stein zum anderen zu hüpfen. Verschärfend kommt noch hinzu, dass das Wasser wegen der Regenfälle der letzten Tagen noch immer schön braun ist und man den Boden absolut nicht sehen kann, weswegen der Stock nicht nur zum Balancieren sondern auch zum Stochern zwecks Feststellung der Tiefe verwendet wird. Mike ist noch immer mit seinen Turnschuhen unterwegs und als er sich nach etwas 15 Minuten Marschierens endlich entschliesst, seine Canyoneers 5.10 anzuziehen, schickt mich Deb alleine weiter. Ich sei schliesslich deutlich schneller und sie würden mich nur aufhalten. Recht hat sie, also geht es alleine weiter entlang des Virgin Rivers. Einige Zeit später führt der Fluss entlang einer Container-Siedlung, in der offensichtlich die Strassenarbeiter hausen. Ich sehe einen der Arbeiter, der gerade versucht, mit einem Schlauch seinen Jeep Wrangler vom Schlamm zu befreien. Das Auto ist von oben bis unten mit Schlamm bedeckt, sowas habe ich noch nie gesehen. Möchte wissen, wo der damit gefahren ist. Nach dieser Container-Siedlung wird es mir zu blöd, also steige aus dem Virgin River und folge der parallel verlaufenden Strasse (wenn man die denn so nennen darf) Richtung deren Ende. Falls mir irgendwelche Baumaschinen entgegen kommen, kann ich ja noch immer wieder in den Fluss ausweichen.

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An dieser Stelle würde normalerweise erst nähere Bekanntschaft mit dem Virgin River geschlossen werden, da meine Füsse aber längst schon nass sind, stürze ich mich in die Fluten. Natürlich übertreibe ich hier masslos, denn der Virgin River ist noch immer ein Bach und da von den Narrows erst ansatzweise hier und da eine Felswand zu sehen ist, marschiert man meist am Ufer des Virgin Rivers und wechselt hin und wieder die Seite. Obwohl die Felswände zu Beginn noch alles andere als eindrücklich sind, macht die Wanderung schon jetzt einen riesigen Spass, weil man ganz neugierig um jede Ecke linst, um zu sehen, was da neues auf einen zukommt. Je weiter man dem Virgin River folgt, desto eindrücklicher wird nämlich das ganze. Man wird quasi ganz behutsam an die Narrows herangeführt.

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Nach einiger Zeit stosse ich auf eine Gruppe von Amerikanern, die gerade eine Pause machen. Es stellt sich heraus, dass sie mit dem weissen Van unterwegs waren. Auf meine Frage, wie sie denn das Teil wieder aus dem Schlammloch gebracht hätten meint einer, sie hätten Schneeketten verwendet. Dann fragt er mich, woher ich käme. Als ich ihm erkläre, dass ich aus Liechtenstein komme meint der nur ganz trocken, dass er am vergangenen Sonntag gerade noch in Liechtenstein gewesen sei, zeigt dann auf den Burschen neben sich und meint, dass seine Mutter aus Sargans käme. Das ist ja bekanntlich nur einen Steinwurf von Liechtenstein entfernt. Wie klein die Welt doch ist.

Ich verabschiede mich und mache mich weiter auf zu meinem Tagesziel, dem Zeltplatz #6, der gemäss Karte rechterhand ein Stückchen unterhalb des Zusammenflusses mit dem Kolob Creek liegt. Auch an dieser Stelle muss ich die Bilder für sich sprechen lassen, denn weil ich heute mehr als genug Zeit habe bin ich irgendwie völlig zeitlos unterwegs und kann diesbezüglich nicht einmal genauere Angaben machen.

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Kurz nach 12.00 Uhr erreiche ich Zeltplatz #1 und direkt danach den einzigen Wasserfall auf der Route. Der lässt sich aber glücklicherweise linkerhand sehr leicht umgehen.

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Wieder lasse ich hier die Bilder für mich sprechen.

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Kurz vor 13.00 Uhr erreiche ich den Zusammenfluss mit Deep Creek, der die Wassermenge des Virgin Rivers verdreifacht. Das Wandern im Fluss ist aber noch immer problemlos möglich. Nach einigen Stunden unterwegs im Flussbett kann ich trotz des braunen Wassers anhand der Flussgeschwindigkeit, der Oberfläche und des Verlaufs des Wassers schon sehr gut einschätzen, wo die tiefen Stellen liegen. Aus diesem Grund stehe ich auch mit der dreifachen Wassermenge den ganzen Tag über nie tiefer als bis zum Knie im Wasser. Dennoch wird mit dem Stock als Tiefenmessgerät immer erst gestochert, bevor ich mich ins Wasser wage oder den nächsten Schritt setze.

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Etwa eine halbe Stunde später erreiche ich den Zusammenfluss mit dem Kolob Creek. Jetzt müsste dann bald mal mein Zeltplatz #6 auftauchen. Das Wasser des Kolob Creek ist im Gegensatz zum Virgin River und zum Deep Creek sauber, von daher weiss ich schon, wo ich später meine Wasservorräte ergänzen werde.

An jeder Ecke vermute ich nun meinen Zeltplatz, der will aber einfach nicht auftauchen. Wenigstens ist dieser Abschnitt weiterhin etwas fürs Auge.

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Irgendwann erreiche ich dann doch endlich einen Zeltplatz, nur handelt es sich dabei nicht um meine Nummer 6, sondern um den Zeltplatz #7. Kann doch nicht sein, dass ich 1-5 und 7 gefunden habe, aber genau meine Nummer 6 nicht. Ärgerlich, aber es hilft alles nichts. Deswegen marschiere ich also wieder den Fluss hinauf hinauf Richtung Kolob Creek, dieses Mal aber mit erhöhter Aufmerksamkeit. Schon wieder in der Nähe des Kolob Creek kommt mir die Gruppe Amerikaner von heute Morgen entgegen. Auch die haben den Zeltplatz #6 nicht gesehen. Also geht die Suche weiter. Wenige Meter vor dem Zusammenfluss mit dem Kolob Creek habe ich die Nase langsam voll und werde auch langsam müde. Immerhin schleppe ich, abgesehen von einer einzigen kürzeren Pause, den riesigen Rucksack schon seit fast 6 Stunden auf meinem Buckel herum. Bis hierher hat er mich überraschenderweise nicht gestört, da ich jetzt aber nur noch meinen Zeltplatz finden will, fühlt er sich plötzlich an, als ob er bis an den Rand mit Blei gefüllt wäre. Ich setze mich auf einen grossen Felsen, lege den Rucksack ab, geniesse den Blick gönne mir ein paar Schluck Iso und verputze dabei genüsslich einen Bagel und einen Apfel. Nachdem meine Lebensgeister wieder geweckt sind beschliesse ich, den Rucksack einfach hier liegen zu lassen, und mich vom Kolob Creek auf der rechten Flussseite mitten durchs Gebüsch zu kämpfen. Irgendwo hier in der Nähe muss der Zeltplatz ja sein. Gesagt getan, auf allen Vieren klettere ich den Hang hinauf und siehe da, ich stehe direkt neben dem von mir gesuchten Zeltplatz. Hat die Suche also keine Minute gedauert. Schnell schreite ich den Platz ab und stelle fest, dass a) der gelbe, den Zeltplatz markierende Pfosten nicht nur ein paar Meter hoch über dem Fluss und zudem recht verdeckt steht, sondern dass auch b) der eigentlich Zugang zum Zeltplatz Seitens des Kolob Creek ist. Eigentlich müsste der Zeltplatz also nicht die Adresse Virgin River #6, sondern korrekterweise Kolob Creek #1 tragen. Ich klettere schnell runter zu meinem Rucksack, wuchte ihn den Hang hoch und kümmere mich um das Aufstellen meines Zeltes. Inzwischen ist es 14.00 Uhr, ich habe also ca. 6 Stunden gebraucht, wie auf der Karte vorgesehen.

Nachdem das Zelt steht, ist es Zeit, die nähere Umgebung ein wenig zu erkunden, und vor allem um festzustellen, wie ich nur den Zeltplatz #6 übersehen könnte. Jetzt wo das Zelt dort steht ist er natürlich nicht mehr sehr schwer auszumachen.

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Abschliessend schiesse ich noch schnell ein Foto vom Zusammenfluss des Kolob Creek mit dem Virgin River.

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Das saubere Wasser des Kolob Creek schreit natürlich förmlich danach, diesem ein Stück bachaufwärts zu folgen, und vielleicht ein paar Fotos mit klarem Wasser zu schiessen. Nur mit der Digicam und dem Stock ausgerüstet mache ich mich auf und erkenne, wie viel schnell man doch vorwärts kommt, wenn man den Boden des Baches sehen kann. Ich komme zügig voran, kann sogar Fische im Bach schwimmen sehen und schiesse das eine oder andere Foto.

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So spektakulär ist der Kolob Creek aber nicht, d.h. man kann sich den Abstecher ersparen, wenn man im Virgin River klares Wasser vorfindet. Für mich ist das aber eine tolle Abwechslung und ich dringe deswegen tiefer vor als beabsichtigt. Schliesslich kehre ich dann aber doch wieder um weil ich alle meine Wertsachen beim Zelt gelassen und nichts zum Trinken dabei habe.

Zurück beim Zeltplatz ist es Zeit, endlich mal die nassen Schuhe und vor allem die Neopren-Socken loszuwerden. Meine Füsse sehen aus wie die einer Wasserleiche, ist fast nicht anzusehen. Sorgfältig wird der Sand aus Schuhen und Socken gewaschen und über den nächsten Baum zum Trocknen gehangen. Um das Zelt herum liegt feiner Sand, deswegen kann ich bequem barfuss herummarschieren.

Inzwischen ist es schon 16.00 Uhr, also Zeit für einen 4-Uhr-Tee. Schnell frisches Wasser im Kolob Creek geholt, das Wasser ausreichend lange kochen lassen, um allfällige Krankheitserreger zu eliminieren und schon ist es Zeit für eine Tasse Tee. Ich lege mich mit der neuen Ausgabe des Grundmann-Reiseführers gemütlich ins Zelt und überlege mir schon eine mögliche Reiseroute für den nächsten Sommer. Dieses Mal habe ich vorgesorgt, weil ich gewusst habe, dass ich alleine am Zeltplatz sein werde. An jedem Zeltplatz darf nämlich nur eine Gruppe übernachten, und wenn die Gruppe nur aus einer Person besteht, dann ist man eben alleine. Der Zeltplatz bietet zwar keine schöne Sicht und sieht aufgrund der umgestürzten Bäume ein wenig chaotisch aus, aber wegen der Frischwasserzufuhr direkt vor der Zelttüre bin ich sehr zufrieden damit. Ausserdem hat man wie bei einer Raubritterburg einen strategisch gelegenen, erhöhten Platz von dem man alles sehen kann, was sich am Virgin River tut. Deswegen sehe ich auch Deb und Mike, die es inzwischen auch schon bis hierher geschafft haben. Sie müssen noch weiter bis zum Zeltplatz #8, bevor sie sich auf die faule Haut legen können. Kurze Zeit später sehe ich noch eine Gruppe junger Männer bevor ich irgendwann – inzwischen nach der zweiten Tasse Tee – unbeabsichtigt einfach einschlafe. Gegen 18.00 Uhr wache ich wieder auf und habe einen Bärenhunger. Auf dem Menüplan steht heute ein Thai-Süppchen und Teriyaki-Chicken mit Reis. Nach dem Abendessen wird die Küche aufgeräumt, alles abgewaschen und der Zeltplatz fein säuberlich von sämtlichem Müll befreit. Da keine Bären zu befürchten sind, hänge ich den Müllsack praktischerweise direkt neben dem Zelt über den Stumpf eines abgebrochenen Astes und lagere alle verbleibenden Lebensmittel direkt neben meinem Kopf im Zelt. Der Rucksack wird auf einen Stein gelegt und regenfest gemacht. Man weiss ja nie. Sicherheitshalber nehme ich aber vorher die Fäkalien-Tüte noch heraus. Wenn die Amis sagen „pack everything out“, dann meinen die das auch. Will heissen, dass man auch die Fäkalien nicht einfach irgendwo abladen kann, sondern die ebenfalls raustragen hat. Bisher hat mir mein Darm das immer erspart, aber heute bin ich mir nicht mehr so sicher, dass diese Glückssträhne anhalten wird. Im Zion National Park ist die Fäkalien-Tüte hochmodern. Bisher habe ich die immer nur in Form von Papier-Tüten mit Katzenstreu erlebt. Als ich die Bedienungsanleitung auf der Rückseite lese, kommt mir spontan das Lied „Der Nippel“ von Mike Krüger in den Sinn: „Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche zieh’n und mit der kleinen Kurbel ganz nach oben dreh’n. Da erscheint sofort ein Pfeil und da drücken sie dann drauf und schon geht die Tube auf“. Gegen 19.00 Uhr schmökere ich wieder mit meiner Stirnlampe im Grundmann und schlafe dann irgendwann friedlich ein. Ein wirklich toller Tag!

Gefahrene Meilen: 0.0

Tag 11 – Schöne Ausblicke und kleine Unsicherheiten

Heute wache ich erst gegen 8.30 Uhr auf. Ich habe mir keinen Wecker gestellt, weil ich heute mehr als genug Zeit zur Verfügung habe. Schliesslich steht nur eine nicht allzu anstrengende Tageswanderung auf dem Programm. Ursprünglich sind drei Wanderungen zur Auswahl gestanden, da der West Rim Trail wegen eines Feuers im letzten Monat aber noch immer geschlossen ist, sind des nur noch deren zwei, die sich zudem innert weniger Stunden bewältigen lassen müssten. Es sind dies die Wanderungen auf Angels Landing und zum Observation Point. Meine Wahl fällt auf den Observation Point, weil ich vor der letzten Passage auf Angels Landing einfach zu viel viel Respekt habe. Es ist nicht so, dass ich mir den Abschnitt nicht zutrauen würde, denn in den Alpen habe ich schon ganz andere Klettersteige erlebt, aber der grosse Unsicherheitsfaktor sind hier bestimmt die Massen an Leuten, die mit schlechtem Schuhwerk unterwegs sind. Ich habe keine Lust, mich von jemandem, der im Fallen nach allem und jedem greift, mitreissen zu lassen. Letztes Jahr ist dort eine 34 jährige Frau aus Las Vegas in den Tod gestürzt und getreu dem Motto „Vorsichtig ist die Porzellankiste“ meiner Mutter fällt meine Wahl deswegen auf den Observation Point.

Erst versuche ich aber erneut, das Internet zum Laufen zu bringen. Nachdem mir dies wieder nicht gelingt, stiefle ich zur Rezeption in der Hoffnung, dass heute jemand dort sitzt, der ein wenig mehr Ahnung hat als der Typ von gestern. Die Dame kann mir aber auch nicht weiterhelfen und verbindet mich telefonisch gleich mit der Chefin Mary, die das WLAN eingerichtet hat. Mary zeigt sich ob meiner Vorschläge, wie man das WLAN für alle Gäste einfacher machen könnte total unkooperativ und beantwortet meine Fragen und Vorschläge mit den drei typischen Beamten-Antworten: „Das habe ich immer schon so gemacht“, „Das habe ich noch nie so gemacht „ und „Da könnte ja jeder kommen“. Immerhin schlägt sie mir vor, ich könne ja zu ihr zum Sol Food Market kommen und das Internet dort ausprobieren. Das lass ich mir nicht zwei Mal sagen, packe meinen Laptop und fahre die kurze Strecke um Sol Food Market, direkt am Parkeingang. Komischerweise funktioniert dort alles, obwohl Mary mir unzählige Male versichert, sie habe im Hotel alles identisch eingerichtet. Sie meint, ich könne hier umsonst surfen, solange ich Gast in ihrem Hotel bin.

Da ich nun schon mal da bin, bestelle ich mir ein Frühstück, lade einen weiteren Tagesbericht auf meine Webseite hoch und bringe auch das Fotoalbum auf den neuesten Stand. Die Zeit vergeht wie im Flug und gegen 11.00 Uhr werde ich hektisch. Ich muss ja der Adventure Company bis Mittag bekannt geben, ob ich morgen mit dem Shuttle zur Chamberlains Ranch will, ansonsten sie die bereist bezahlten Fahrkosten auf jeden Fall behalten. Dazu müsste ich aber erst wissen, ob überhaupt Bewilligungen für die Narrows ausgestellt werden. Nach dem Kauf einiger Lebensmittel fahre ich also schnell zurück zum Hotel, hole meinen bereits gepackten Rucksack ab und fahre mit dem Shuttle zum Parkeingang. Beim Backcountry Desk erfahre ich, dass ab morgen wieder Bewilligungen zu haben sind. Bevor mir die Tante hinterm Schalter aber die Bewilligung ausstellt, muss ich mir einen Film über die Narrows ansehen. Dabei wird die notwendige Ausrüstung aufgezeigt und auch vor Flash Floods gewarnt. Wenn man an einer blöden Stelle in den Narrows erwischt wird, ist man mausetot. Entweder wird man von dem ganzen Krempel erschlagen, den die Springflut mit sich führt, oder man ertrinkt jämmerlich. Das Tückische an der Sache ist, dass im Nationalpark eitel Wonne Sonnenschein herrschen kann, man sich dadurch aber nicht auf der sicheren Seite wiegen darf. Für eine Springflut reichen nämlich bereits Regenfälle im weit entfernten Quellgebiet des Virgin Rivers aus, von denen man in den Narrows unmöglich etwas mitbekommen kann.

Mit der Bewilligung in der Tasche besteige ich das nächste Shuttle und fahre Richtung Weeping Rocks. Das kostenlose Shuttle ist sicherlich eine tolle Sache, aber man hat bei dem Schnecken-Tempo das Gefühl, nie am Ziel anzukommen. Schliesslich erreichen wir um 12.30 Uhr endlich die Haltestelle Weeping Rocks. Voller Tatendrang hüpfe ich aus dem Shuttle und mach mich gleich an meine heutige Wanderung. Heute sind 655 Höhenmeter und 12 Kilometer hin und zurück zu bewältigen. Der National Park Service gibt eine Marschzeit von insgesamt 5 Stunden vor. Das kann also nicht so schlimm sein.

Gleich zu Beginn wird nicht lange gefackelt und es geht gleich steil aufwärts. Das gefällt mir, denn irgendwo müssen die Höhenmeter ja gemacht werden und ich latsche nicht gerne kilometerweit, bis es endlich richtig losgeht. Ich bin gespannt, wie die Route verläuft, denn von unten sieht man nur Felswände. Erst vom Observation Point aus kann man den Verlauf des in den Stein gehauenen Wegs sehr gut erkennen.

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Nach unzähligen Serpentinen führt der Weg überraschenderweise in einen Canyon. Damit habe ich nicht gerechnet und bin darüber hocherfreut.

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Nach dem Verlassen des Canyons, der schon mal einen kleinen Vorgeschmack für die morgen beginnende Narrows-Wanderung bietet, noch ein kurzer Blick zurück.

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Dann geht es weiter auf dem Weg, der sich sehr schön am Felsen entlang nach oben schlängelt. Mir gefällt das ausserordentlich gut und bin inzwischen heilfroh, mich für diesen Weg statt für Angels Landing entschieden zu haben.

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Inzwischen ist es Zeit für eine Pause, deswegen setzte ich mich gemütlich hin, geniesse den Blick in die Landschaft und freue mich darüber, dass während der ganzen Pause kein Mensch zu sehen ist. Einfach herrlich!

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Dann geht es weiter. Der in den Fels gehauene Weg windet sich weiter nach oben, bis man das Plateau erreicht. Oben angekommen ist ein nicht mehr allzu langer Fussmarsch bis zum Observation Point zu absolvieren, wo sich mir nach insgesamt 1:50h Anstrengung endlich das ganze Panorama offenbart. Weiter unten ist Angels Landing zu sehen. Schade, dass ich keinen Feldstecher dabei habe, um die Leute dort beobachten zu können. Ein Paar aus Tampa bittet mich, ein paar Fotos von Ihnen zu schiessen und so kommt man recht schnell ins Gespräch. Wie üblich werden die Erfahrungen ausgetauscht, berichtet und nachgefragt, was man schon gesehen hat und was man unbedingt noch sehen muss. Sie möchte unbedingt noch auf Angels Landing und ist nicht sehr erfreut darüber von mir zu erfahren, dass dort letztes Jahr eine Frau zu Tode gestürzt ist. Als die beiden sich dann wieder an den Abstieg machen klappere ich die nahe liegende Umgebung ab, um ein paar Fotos für meinen Reisebericht zu schiessen.

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Dann mache ich mich wieder an den Abstieg und bin nach 1:30h wieder beim Shuttle Stopp. Es ist inzwischen schon ordentlich heiss und ich bin recht k.o. Auf die Emeral Pools habe ich nun keine Lust mehr. Weil ich aber schon da bin, beschliesse ich schnell mal bei den Heulsusen von Felsen, den Weeping Rocks, vorbeizusehen. Die sind in Natura nicht so interessant, dass sich der Weg alleine für sie lohnen würde, aber aus der richtigen Perspektive geschossen, gelingen doch tolle Fotos die sich als Desktop-Hintergrund gut machen.

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Anschliessend besteige ich wieder das Shuttle Richtung Parkeingang und erwische einen Busfahrer, der sich auch als Alleinunterhalter sieht, einen Witz nach dem anderen reisst und an jeder Ecke eine neue Geschichte zum Zion Nationalpark bereithält. Den Mitfahrern gefällts und ich muss hie und da auch schmunzeln. Auf jeden Fall gestaltet sich die Fahrt relativ kurzweilig. Beim Sol Food Market besteige ich das Springdale Shuttle, das mich wieder zum Hotel bringt. Dort hüpfe ich unter die Dusche und mache mich dann gegen 18.00 Uhr auf zur Zion Adventure Company, die schräg gegenüber auf der anderen Strassenseite liegt, um mir dort meine Ausrüstung für die Narrows zu holen. Konkret geht es um einen Wanderstock, ein Paar Neopren-Socken und Canyoneer 5.10-Schuhe, mit denen man problemlos im Wasser wandern kann.

Dann der nächste Schock. Die Mutti hinterm Tresen erklärt mir, dass es auf der Zufahrtsstrasse zur Chamberlains Ranch geregnet habe und daher nicht sicher sei, ob das Shuttle überhaupt fahre. Bei Nässe würde sich auf der Strasse eine tiefe Schlammschicht bilden, in der das Shuttle einfach stecken bliebe. Ich solle kurz vor 20.00 Uhr wieder kommen, dann wisse sie schon mehr. Na toll, nicht dass mir jetzt die paar Regentropfen einen Strich durch die Rechnung machen!

Ich beschliesse, inzwischen einen Happen Essen zu gehen. Das Bit and Spur Restaurant and Saloon, das überall so hoch gelobt wird, ist leider geschlossen. Also stoppe ich schnell beim Hotel und fahre dann mit dem Laptop weiter zum Sol Food Market, wo ich mich im Internet über andere Tipps in der Nähe schlau mache. Die Wahl fällt nach kurzer Zeit auf Oscar’s Cafe, das zudem ideal direkt neben der Adventure Company liegt. Da ich nun mal schon da bin, surfe ich noch ein wenig im Internet herum, lade die heutigen Fotos hoch und mache mich dann zurück zum Hotel. Auto abgestellt, Laptop zurück ins Zimmer und nach einem Blick auf die Uhr festgestellt, dass sich das Essen jetzt fast nicht mehr lohnt. Also schnell bei Oscar’s Cafe gefragt, wie lange die denn geöffnet haben (laut Internet soll der Laden schon um 21.00 Uhr dicht machen) und nach Auskunft, dass erst um 22.00 Uhr geschlossen wird, gehe ich rüber zur Adventure Company.

Dort weiss man noch immer nicht Bescheid, ob das Shuttle fährt. Inzwischen hat sich der Chef der Sache angenommen, läuft mit dem Handy wie in Tiger im Käfig durchs Geschäft schimpft und redet wie wild auf jemanden ein. Die Mutti hinterm Tresen meint, sich solle doch einfach später wieder kommen. Die Narrows will ich mir auf keinen Fall entgehen lassen, weswegen ich vor Ort bleibe und mich regelmässig über den Stand der Dinge erkundige. Auf meine Frage, ob ich denn der Einzige sei, der sich für die Fahrt interessiere, meint die Mutti hinterm Tresen, dass man den anderen einfach gesagt habe, man würde sie telefonisch verständigen, falls die Fahrt nicht stattfinden sollte. Nachdem ich dem Chef erzählt habe, wie wichtig mir die Wanderung ist und ich da unbedingt hin müsse, schickt er mich mit einem Mitarbeiter zum Socken, Schuhe und Wanderstock aussuchen und verschwindet wieder wild gestikulierend mit seinem Handy. Anschliessend muss ich wieder einen Film über die Gefahren der Narrows ansehen. Die gehen hier aber wirklich auf Nummer sicher. Kurze Zeit später taucht der Chef wieder auf, meint es wäre alles in Ordnung für die morgige Fahrt und dass ich um 6.00 Uhr hier sein solle.

Erleichtert lade ich die eben gemieteten Utensilien im Hotelzimmer ab und gehe endlich zu Oscar’s Cafe, um dort einen Happen zu essen. Inzwischen habe ich einen Bärenhunger, deswegen bestelle ich mir gleich den grössten Burger auf der Karte mit einem ganzen Pfund Fleisch. Dazu Pommes aus Sweet Potatoes und ein Microbrew. Der Burger ist so riesig, dass ich nur mit Mühe und Not meinen Mund weit genug aufbekomme, um einen Bissen davon zu nehmen. Sowohl die Pommes als auch der Burger erweisen sich als supergut, ich bin begeistert!

Anschliessend geht es zurück zum Hotel, um meinen Rucksack für Morgen zu packen. Da bei dieser Wanderung wirklich alles wasserdicht verpackt werden muss, falls man in den Narrows im Virgin River umfällt, und natürlich nebenbei der Fernseher läuft, bin ich bis nach Mitternacht damit beschäftigt. Gegen 0.30 Uhr lege ich mich endlich schlafen.

Gefahrene Meilen: 5.6