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Tag 13 – Der Exodus und nächtliche Störenfriede

Der 13. Tag beginnt mit einem Adrenalinstoss. Durch einen Schlag an die Zeltwand direkt neben meinem Kopf werde ich aus dem Schlaf gerissen. Instinktiv schlage ich zurück und verharre dann wie in Totenstarre, um besser hören zu können, was um mich herum vorgeht. Ich höre irgendwelche Tiere ums Zelt schleichen. Wie viele es sind, kann ich aber nicht beurteilen. Da die Geräusche aber von entgegengesetzten Seiten kommen, müssen es mindestens zwei sein. Unverzüglich nehme ich meine Stirnlampe und mein Taschenmesser in die Hand und lausche weiter. Klingt irgendwie wie diese Morse-Code Klopfer, die man aus den alten Western kennt. Das kommt mir unheimlich vor. Nach ein paar Minuten höre ich auch das Rascheln meines Müllsacks, den ich gestern Abend direkt neben dem Zelt über den Stumpf eines abgebrochenen Astes gehängt habe. Da ich wie schon beim Mount Shasta meine beiden Zelttüren – abgesehen vom Moskitonetz – offen gelassen habe, leuchte ich mit der Stirnlampe linkerhand zu dem keinen Meter entfernt hängenden Müllsack und sehe gerade noch den buschigen Schwanz irgendeines Tieres, das sofort die Flucht ergreift. Ein Rascheln auf der anderen Seite lässt mich rechterhand zu meinem Rucksack leuchten. Dort schnüffelt gerade ein anderes dieser Viecher an meinem Rucksack herum. Dieses Mal kann ich aber besser sehen, wer da um mein Zelt schleicht. Sieht aus wie eine Katze mit einem grossen buschigen Schwanz. Wenn ich mitten in der Nacht von zwei Katzen besucht werden möchte, dann aber sicherlich nicht von solchen, die sich über meinen Müll hermachen. Inzwischen hat sich das andere Viech schon wieder auf den Ast mit meinem Müllsack getraut. Ein kurzes Leuchten und es ist schon wieder weg. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es 0.30 Uhr ist. Die Tiere werden mit der Zeit immer frecher weil sie merken, dass ich sie zwar anleuchte, aber nicht aus meinem Zelt heraus komme. Also muss ich nun auch laut zischen, rufen usw. Als sie sich dann auch dadurch nicht mehr beeindrucken, lassen steige ich aus dem Zelt, renne ihnen schreiend nach und schlage sie damit in die Flucht. Wäre ja gelacht, wenn ich mich von den kleinen Kerlen terrorisieren lasse. Vorsorglich platziere ich aber einen Stock neben dem Zelteingang, lege mich wieder hinein und schliesse das Moskitonetz. Mit dem Taschenmesser (natürlich mit zugeklappter Klinge) und der Stirnlampe in der Hand lege ich mich wieder hin und lausche, ob sich noch etwas bewegt. Weil ich nichts mehr höre schlafe ich dann irgendwann wieder ein.

Gegen 5.30 Uhr erwache ich erneut ob des Raschelns des Müllsacks. Mit der Lampe leuchte ich in Richtung des Raschelns und sehe eines der Viecher wie es versucht, den Müllsack vom Stumpf des abgebrochenen Astes zu ziehen. Wieder schlage ich es in die Flucht. Das Tier ist offensichtlich „not amused“ und gibt mir das mit einem Schulterblick auch zu verstehen.

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In einem letzten Aufbäumen, um vor dem Sonnenaufgang doch noch an meinen Müll zu kommen, lässt sich der Held nun von gar nichts mehr beeindrucken. Eine gute Gelegenheit für mich, Fotos von dem Treiben zu schiessen, denn das glaubt mir sonst keiner.

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Da ich keine Lust habe, morgens dann den ganzen Müll quer verstreut über den Zeltplatz zusammen zu suchen, bleibe ich wachsam und renne dem Viech noch ein paar Mal hinterher, um es in die Flucht zu schlagen.

Irgendwann, als ich es auch noch mit Sand beworfen habe, lässt es mich endlich in Ruhe und ward nicht mehr gesehen. Natürlich hätte ich den Müllsack auch mit ins Zelt nehmen können, aber ich wollte nicht, dass zuletzt noch mein Zelt angeknabbert und beschädigt wird. Da es sich inzwischen nicht mehr zu schlafen lohnt und ich ausserdem nicht weiss, ob ich doch noch einmal mit Besuch rechnen kann, lese ich stattdessen im Grundmann weiter und leuchte ab und zu zum Müllsack oder zum Rucksack. Es bleibt aber ruhig, die Störenfriede sind also endgültig vertrieben.

Gegen 07.00 Uhr steige ich aus dem Zelt und mache mir Frühstück. Es ist gerade noch oder wieder so warm, dass ich mir ausser meiner kurzen Hose und dem Funktions-Shirt nichts weiter anzuziehen brauche. Meine restliche Kleidung ist nämlich noch immer wasserdicht verpackt und ich habe keine Lust, diese vor dem Abmarsch wieder neu verpacken zu müssen. Da ich nach zwei Tee und zwei Bagels meinen Gasbrenner während dieser Reise nicht nicht mehr benötige, drehe ich ihn auf die höchste Stufe, um die Gaskartusche zu leeren. Währenddessen baue ich das Zelt ab und packe gewissenhaft meinen Rucksack. Es ist inzwischen schon fast 08.00 Uhr und der Gasbrenner macht noch immer keinerlei Anstalten, endlich auszubrennen. Hätte nicht gedacht, dass die Gaskartusche so lange hält. Da ich keine Lust habe, noch länger zu warten, packe ich das Teil wieder ein und mache mich um fast exakt 08.00 Uhr auf den Weg Richtung Temple of Sinawava.

Beim Zeltplatz #7 schlafen noch alle friedlich und als ich zu Zeltplatz #8 komme, sehe ich gerade Deb und Mike aufbrechen. Natürlich zeige ich ihnen gleich die Fotos der nächtlichen Besucher und Deb meint, es handle sich um Ringschwanz-Katzen. Sie selber habe zwar noch nie eine gesehen. Gestern sei aber ein Hirsch auf der anderen Seite des Virgin Rivers an ihrem Zeltplatz vorbeispaziert. Auf meine Frage, von wo sie denn Wasser bekommen hätten mein Deb, dass sie ihr Wasser aus dem Virgin River gepumpt hätten. Sie hätten Taschentücher als Grobfilter vor dem eigentlichen Wasser-Filter verwendet und dabei insgesamt drei Taschentücher verbraucht. Da habe ich mit meinem Zeltplatz ja grosses Glück gehabt. Ich verabschiede mich wieder und setze meine Wanderung fort. Da die Sonne noch zu tief ist, um in den Canyon zu leuchten, erspare ich mir für die Fotos bis zu den Big Springs, dem Umkehrpunkt für alle Tageswanderer vom Temple of Sinawava. Inzwischen ist es zwar schon fast 9.30 Uhr, das Licht aber noch immer noch sehr schlecht zum fotografieren. Die Big Springs als markanten Punkt möchte ich schon fotografisch festhalten.

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Kurz nach den Big Springs beginnen die Narrows, wie man sie von Fotos hauptsächlich kennt, und so langsam lässt sich auch endlich die Sonne blicken. Laut Karte soll es aber hier drei Abschnitte geben, bei denen man hin und wieder schwimmen muss. Ich hoffe, dass das heute nicht der Fall sein wird, denn bis jetzt ist mir das Wasser höchstens bis zum Knie gestanden.

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Im Gegensatz zum Kolob Creek ist der Orderville Canyon sehr interessant und auf jeden Fall einen Abstecher wert. Man muss nämlich ein wenig Klettergeschick mit sich bringen, um die ohne Bewilligung erlaubte Meile bis den Veiled Falls hinter sich zu bringen. Erst beginnt der Canyon sehr eng, dann scheinen die Wände aus Gold zu sein und schliesslich erreicht man die nicht sehr imposanten aber sehr fotogenen Veiled Falls. In meinen Augen ist der Abstecher ein Muss, wenn man genug Zeit dazu hat.

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Kaum aus dem Orderville Canyon zurück in den Narrows, kommt mir nach der ersten Biegung das Paar aus Tampa entgegen, das ich vorgestern auf dem Obervation Point getroffen habe. Sie erzählen, dass sie noch immer nicht auf Angels Landing gewesen seien und fragen, wie weit es noch bis zur Wall Street wäre. Ein paar Minuten später verabschiede ich mich und mache mich zügig bis zum Ende bzw. aus meiner Sicht bis zum Beginn des geteerten Riverside Walks. Obwohl die Narrows noch immer sehr sehenswert sind, interessieren sie mich inzwischen nicht mehr ganz so sehr. Ich denke, ich habe mich inzwischen statt gesehen oder es hat auch vielleicht etwas damit zu tun, dass für meinen Geschmack zu viele Leute unterwegs sind. Interessant finde ich aber, dass man mit dem grossen Rucksack an allen Ecken mit Bewunderung angeschaut wird und beinahe jeder Zweite fragt ganz neugierig, ob man die ganzen Narrows gemacht habe und ob man auch dort übernachtet habe. Scheinbar wird dies von vielen als ein ganz grosses Abenteuer angesehen, obwohl dies meiner Meinung nach von allen – abgesehen von total unsportlichen Zeitgenossen – mit Leichtigkeit geschafft werden kann.

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Gegen 13.15 Uhr beim Riverside Walk angekommen und nie weiter als bis zur Hose nass geworden, wasche ich noch einmal den Sand aus den Socken und den Schuhen und muss mich wieder mal über deutsche Touristen wundern die glauben, dass Deutsch eine elitäre Sprache sei die fast niemand versteht. Als ich nämlich mit dem Rücken zu meinem Rucksack sitze und meine Schuhe und die Socken mehr schlecht als recht vom Sand befreie, amüsieren sich drei köstlich darüber, dass sich ein Eichhörnchen gerade an meinen Rucksack ranmacht, um Essbares zu finden. Als ich mich gespielt „zufällig“ umdrehe sehe ich gerade, wie das Eichhörnchen auf seinen Hinterbeinen steht, sich mit den Vorderbeinen am Rucksack anlehnt und herumschnuppert. Nach einem „get lost!“ und der entsprechenden verscheuchenden Handbewegung sucht das Tier das Weite und die deutschen Touris sind enttäuscht, dass ich ihnen den Spass verdorben habe.

Überhaupt wimmelt es hier nur so von Touristen. Als ich schnellen Schrittes Richtung Temple of Sinawava eile, höre ich Deutsche, Franzosen, Italiener und auch ein Rudel schwer mit Kameras bepackter Japaner kommt mir entgegen, dicht gefolgt von einem ebenfalls schwer mit Kameras behangenen Rudel Chinesen. An jeder Ecke sitzen die von den Touristen gefütterten Eichhörnchen, die sich brav fotografieren lassen. Ich bin zwar selber auch nur ein Tourist aber ich mag es ganz und gar nicht, an diesen Umstand erinnert zu werden, weswegen ich jetzt einfach nur noch zum Shuttle und raus aus dem Park will. Endlich im Shuttle kann ich entspannt die Fahrt geniessen. Während mir vorgestern die Fahrt mit dem Shuttle viel zu langsam vorgekommen ist, gefällt es mir heute, einfach nur gemütlich da zu sitzen, und Landschaft und Leute zu beobachten.

Beim Visitor Center mache ich mich noch schnell über die lästigen Störenfriede der letzten Nacht kundig, kaufe mir beim Sol Foods Market & Deli einen 6-Pack Bier und ein paar Früchte, und hüpfe dann in den Springdale Shuttle, der mich zum Hotel bringen soll. Als das Shuttle losfährt, ruft mir ein Mann in Anspielung auf meinen grossen Rucksack zu, dass ich meine Frau nun wieder rauslassen könne.

Beim Hotel angekommen wasche ich die Schuhe samt der Socken gewissenhaft mit einem Gartenschlauch und lasse sie dann auf der Veranda zum Trocknen liegen. Nach einer gründlichen Dusche gönne ich mir ein Bierchen und schmeisse mich aufs Bett, um ein wenig in den Fernseher zu starren. Da nichts Interessantes läuft, packe ich meinen Laptop und fahre mit dem Trailblazer zurück zum Sol Foods Market & Deli. Auf dem Weg dorthin bringe ich noch die Schuhe, Socken und den Stock zur Zion Adventure Company zurück. Beim Sol Foods Market & Deli muss ich feststellen, dass mein WLAN Schlüssel nicht mehr funktioniert. Mary ist noch immer auf Geschäftsreise, also haue ich deswegen den anderen Co-Chef an, der gerade da ist. Er habe den Schlüssel gestern geändert und gibt mir gleich den neuen. Kaum im Internet surfe ich gleich zur Webseite der Detroit Lions, um noch einmal zu bestätigen, dass morgen um 10.00 Uhr Eastern die Karten für einzelne Spiele zum Verkauf freigegeben werden. Detroit Tix hat mir ja schon vor einiger Zeit die Auskunft gegeben, dass von den 65′000 Karten pro Spiel nur etwas 4′000 in den freien Verkauf kommen und dass die innerhalb weniger Minuten ausverkauft sein werden. 10.00 Uhr Eastern, da müsste ich ja um 7.00 Uhr zuschlagen, aber Sol Foods Market & Deli öffnet erst um 7.00 Uhr. Bis meine 6 Jahre alte Pentium III Rochel aufgestartet ist und ich endlich im Internet bin, sind doch längst alle Karten weg! Ich schildere dem Co-Manager mein Dilemma und der gibt gleich Anweisung, mich morgen schon um 6.45 Uhr reinzulassen. Toll, das gefällt mir! Ich surfe noch ein wenig im Internet herum und beschliesse dann, mir bei der Zion Pizza & Noodle Co. eine ordentliche Pizza zu holen.

Leider stell sich vor Ort heraus, dass die nur Cash akzeptieren und da ich mir dass wenige verbleibende Bargeld noch aufbewahren möchte, fahre ich gleich weiter zum Bit and Spur Saloon. Dort bestelle ich mir mit der Chicken Fajita eine meiner absoluten Leibspeisen, die sogar noch bei den “House Favorites” zu finden ist. Die Vorfreude wird aber schnell getrübt, denn so eine mickrige und absolut durchschnittlich schmeckende Fajita ist mir in meinem ganzen Leben noch nie aufgetischt worden. Nicht mal einen Teller bekomme ich, um dort die Fajita zu beladen und zu rollen. Dass das einer der besten Mexikaner in Utah sein soll, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Unterm Strich kann ich niemandem raten hier zu speisen. Es bleibt zum Glück die einzige kulinarische Enttäuschung auf meiner ganzen Reise.

Enttäuscht fahre ich zurück zum Hotel und sehe noch ein wenig, was im TV läuft. Da ich jetzt noch genug Zeit an der Hand habe beschliesse ich, heute schon die Koffer so weit wie möglich flugfertig zu packen. Dann muss ich mich in Las Vegas nicht damit beschäftigen. Nachdem die Koffer schon beim Hinflug zum Bersten voll gewesen sind (alleine meine Wanderutensilien füllen schon einen ganzen Koffer) und ich inzwischen auch schon wieder ein paar neue Sachen gekauft habe, erweist sich das Unterfangen als echte Herausforderung. Jeder erdenkliche Hohlraum wird ausgenutzt, sogar die Nalgene-Flaschen werden mit Gegensänden gefüllt. Was die Gewichtsverteilung anbelangt, muss ich einfach grob schätzen. Irgendwann schlafe ich erschöpft ein. Natürlich nicht, ohne vorher den Wecker auf 6.00 Uhr gestellt zu haben. Will ja nicht die Chance auf meine Lions Tickets verschlafen.

Gefahrene Meilen: 3.4